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Nürnberg
Vorgeschichte im Mittelalter
Eine zarte Liebesgeschichte stand am Anfang des raschen Aufstiegs zur Freien Reichsstadt (1219):
Kaiser Heinrich III. hatte bei einem Hoftag 1050 in Norenberg die Unfreie Sigena aus der
Leibeigenschaft entlassen, damit sein Gefolgsmann Richolf in der Lage war, sie zu ehelichen.
Ihre Schlüsselstellung im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation verdankt die
Stadt an der Pegnitz ihrer Lage im Zentrum des Deutschen Reiches am Knotenpunkt
der europäischen Handelsstraßen von Paris nach Prag, von den Niederlanden nach
Italien und von Hamburg nach Venedig.
Das Nürnberger Wahrzeichen der mächtigen Kaiserburg bezeugte die freundschaftlichen
Beziehung zu den Kaisergeschlechtern der Staufer und Hohenzollern.
Im Jahr 1325 wurden Sebalder und Lorenzer Stadt vereinigt und mit einem gemeinsamen mächtigen
Mauerring umgeben.
In der „Goldene Bulle“ von 1356 bestimmte Karl IV. Nürnberg als Schauplatz des ersten
Reichstages jedes deutschen Herrschers. Kurz darauf fanden hier auch die Reichsinsignien ihre Heimat.
Am Ende des Mittelalters blühen Metallgewerbe, Erzgießereien und Papiermühlen.
Zoll- und Münzfreiheit (ab dem 11. Jahrhundert) sowie die strenge Hand des
herrschenden „Patriziats“, das seine Privilegien in Eintracht hütet und keine Zünfte zulässt,
sorgen für materiellen Wohlstand und spätmittelalterlichen Glanz.
Conrad Celtis zeigt sich 1495 tief beeindruckt: "Die bildnus dieser stat mit
ihrer burg und heiligen gottsheusern zaigt sich von außen den augen der hinzugeenden
menschen in außdermaßen hübscher gestalt und anschauung, die menschen,
so hinein in die stat kommen, zu noch mererer verwunderung zückent."
Albrecht Dürer
„Die vier Apostel“, die zugleich für die vier Temperamente stehen,
die verschiedenen Lebensalter des Menschen ausdrücken und auch den vier
Jahreszeiten zugeordnet werden, ist Albrecht Dürers letztes großes Gemälde.
Er stiftete das berühmte Bild seiner Heimatstadt, noch zu seinen Lebzeiten
wurde es in der oberen Regimentsstube des Rathauses zu Nürnberg aufgehängt.
In der Inschrift zu Füßen der Bildtafeln sind die „weltlichen regenten“
aufgefordert, sich vor „falschen Propheten“ zu hüten.
Albrecht Dürer war nicht nur in seinem Werk von europäischem Format,
er unternahm als europäischer Bürger auch Reisen in die Niederlande, ins Elsass oder nach Italien.
Übrigens wurde sein ausdrücklicher Wunsch für die vier
Apostel „bey gemainer Statt zu sein gedechtnuß zubehalten und in frembdte händt nit
kommen zu lassen“ grob missachtet: Nachdem die Tafeln 1627 auf argen Druck durch
den bayerischen Kurfürsten Maximilian I. nach München abtransportiert worden waren,
bemühte sich der Nürnberger Stadtrat zwar um eine Herausgabe, nicht zuletzt wegen des Ärgers,
der durch die Zitate aus der Lutherbibel im katholischen München angefacht würde.
Doch der Kurfürst ließ die Schrift unter den vier Figuren kurzerhand absägen und nur
diese die beschriebenen Teile der Bildtafeln ins protestantische Nürnberg zurücksenden.
Das Goldene Zeitalter
Der größte Sohn der Stadt steht nur am Anfang einer großen Reihe von Persönlichkeiten, die Nürnberg zu seiner Blütezeit in der Renaissance prägen. Auch Dürers Lehrer, der Maler und Bildschnitzer Michael Wohlgemut, gehört zu den herausragenden Künstlern seiner Epoche. Veit Stoß und Adam Kraft beeinflussen mit ihren heiß begehrten Bildnissen und hoch geschätzten Werkstätten das künstlerische Leben weit über Deutschland hinaus.
Von Hans Sachs über Johann Agricola bis zu Heinrich Pachelbel bewegt sich die Linie berühmter Musiker und Komponisten aus der Noris.
An Begriffen, Ausformulierung und Praxis des Humanismus wesentlich beteiligt sind die Nürnberger Willibald Pirckheimer, Regiomontanus oder Lucas Osiander.
Den ersten und verblüffend genauen Globus schafft Martin Behaim, die erste Taschenuhr stammt von Peter Henlein, Paul Pfinzing setzt das Vorbild vieler nachfolgender kartografischer Sammlungen und Atlanten.
Aus Natur und Biologie führen viele Nürnberger Ärzte und Wissenschaftler ihre Erkenntnisse in die Medizin ein: von Hartmann Schedel, der vielseitig bewandert auch die so genannte Nürnberger Chronik herausgegeben hat, über Georg Forster und Joachim Camerarius bis zu Johann Georg Volckamer.
Die Patrizier
Grundlegend für die Epoche und stilprägend für deutsche Renaissance aber wirkt die Klasse der Patrizier.
Auch im Nürnberger Rathaus haben die Kaufleute aus den großen und traditionsreichen Handelshäusern das Sagen.
Hans von Tucher war ein Spross nicht nur einer der bekanntesten dieser Familien, die sich bis heute nicht nur durch die gleichnamige Biermarke, sondern durch ihr Wirken und mit einer Stiftung um die Stadt und die Altnürnberger Landschaft verdient gemacht hat.
Mit seiner Reise nach Jerusalem ins gelobte Land 1497/80 steht er am Beginn des Goldenen Zeitalters der Stadt Nürnberg.
Gleichzeitig avanciert der Jerusalemfahrer durch die Veröffentlichung seines Reisetagebuchs („Reyßbuch des heiligen Landes“) zum vielzitierten „ersten Baedecker“.
Viele weitere Personen aus ehrwürdigen und wohlhabenden Familien drehen mit am Rad der Geschichte in Nürnberg, beeinflussen deren Geschick und hinterlassen vielfältige Spuren: Anton Fugger, Anton Tucher, Georg Philipp Harssdörfer, die von Haimendorf, von Stromer oder die Baumgartnerund wie sie sonst alle heißen mögen.
Frieden in Religion und Politik
Größe und Glanz der Stadt in ihrer Zeit verdankt Nürnberg aber auch einer relativ langen Phase ohne kriegerische oder gewalttätige konfessionelle Auseinandersetzungen.
Nach dem Landshuter Erbfolgekrieg erhält die Freie Reichsstadt dazu im Friedensschluss 1505 noch umfangreiche Gebiete im Osten zugeschlagen (Altdorf, Lauf, Hersbruck).
Bereits im Jahr 1529 beim Reichstag zu Speyer geben sich Nürnberg, Memmingen und Lindau als „Protestanten“ zu erkennen und werden durch den Augsburger Religionsfrieden von 1555 bestätigt, ihre Position im Reich gefestigt.
Frühzeitig wird für sie das Luther-Postulat zur Regel: „Cuius regio, eius religio“.
Asyl und Integration vieler niederländischer und französischer Flüchtlinge brachten neuen Schwung in Handel, Gewerbe und Handwerk, befruchteten Wissenschaft und Verwaltung an den Ufern der Pegnitz.
Von Romantik und Industrie
Bedeutungsverlust und Niedergang der Freien Reichsstadt setzen mit dem Dreißigjährigen Krieg ein.
Neben den Zahlungen an den Kaiser (Reichssukkurs), den Abgaben an den ehemaligen Altdorfer Studenten und jetzigen Feldherrn Wallenstein (1625 bis 1627) sowie der allgemeinen Teuerung trugen vor allem die Kriegskontributionen an Preußen (1762) und Franzosen (1796 und 1800) zum Abstieg bei.
Wie während Blüte und Glanz der Renaissance sind auch im Niedergang Nürnbergs die wirtschaftlichen Umstände maßgebend: Wo kein Geld, da verdorren auch Wissenschaft und Kunst.
Die Schuldenlasten wachsen nach dem Westfälischen Frieden von 1649 gewaltig an.
Mit fünfzehn Millionen Gulden steht Nürnberg zum Zeitpunkt der staatlichen Auflösung im Jahr 1806 erheblich in der Kreide.
Die Einwohnerzahl schrumpft in eineinhalb Jahrhunderten bis zur Eingliederung in das Königreich Bayern um fast die Hälfte.
Handel und Gewerbe stagnieren und verlieren immer mehr an Bedeutung. Sie sind auch nicht fähig, die Fesseln der starren Zunftordnung des Mittelalters abzulegen, finden nicht zu neuen Formen merkantiler Wirtschaft.
Der Rat der einst so blühenden Reichsstadt ist dieser rückläufigen Entwicklung nicht gewachsen, die allgemeine Verarmung der Bürger aller Schichten kaum nicht aufzuhalten.
1793 spottet der Frühromantiker Wilhelm Heinrich Wackenroder noch, dass in Nürnberg "kein einziges neues Gebäude, sondern lauter alte" zu finden seien.
Er fürchte, Rittern oder Bürgern "in alter Tracht zu begegnen, denn die neue Tracht passt gar nicht zu dem Kostüm in der Bauart."
Einen anderen Ton schlägt bereits Johann Christian Xeller in der Hochzeit der Romantik 1814 in seinen Veduten an: „Die Kaiserburg ist ein prächtiges Werk alter Größe.
Ihr Anblick hat den Charakter eines kühnen Geistes. Die Aussicht über die die ganze ausgedehnte Stadt mit ihren Türmen, Mauern, Toren und alten Gebäuden ist einzigartig und insofern mag ich Nürnberg mit Rom so gut vergleichen als sich ein Carolus Magnus mit einem Cäsar vergleichen lässt. "
Das Aufgehen Frankens im neuen Königreich, der Erwerb Nürnbergs durch Bayern hat langfristig auch positive Auswirkungen: Industrialisierung, Bevölkerungswachstum, hygienische und städtebauliche Fortschritte.
All das macht die Frankenmetropole zu einem treibenden Motor der Wirtschaft im Königreich Bayern.
Die erste deutsche Eisenbahn (1835) oder der König-Ludwig-Donau-Main-Kanal (1845), technische und wissenschaftliche Entwicklung, Persönlichkeiten wie Georg Simon Ohm, Simon Schuckert oder Lothar von Faber sorgen für die neue industrielle Blütezeit an der Pegnitz.
Ein Ende im Grauen
Doch nur kurze Zeit später bricht das Zeitalter der Massen an: Revanchismus und Faschismus nach dem 1. Weltkrieg sorgen für den absoluten Tiefpunkt in der deutschen Geschichte, auch und gerade in Nürnberg.
Durch den Rückgriff auf Inhalte der Romantik, des Reichsgedankens sowie die umgedeutete Hermetik der mittelalterlichen Geschichte wird die ehemalige Freie Reichsstadt Nürnberg zum triefend deutschen Schatzkästlein erklärt.
Die Nationalsozialisten schleichen sich an die Macht, machen Nürnberg schließlich zur Stadt der Reichsparteitage und dekorieren sein traditionsreiches historisches Antlitz um.
In den Nürnberger Rassegesetzen schmettern sie jegliche Menschenwürde zu Boden, treten die Achtung des Individuums vor Recht und Gesetz mit ihren Soldatenstiefeln im heraufziehenden 2. Weltkrieg nieder.
Doch nach 12 Jahren des rapiden politischen und wirtschaftlichen, aber auch moralischen Niedergangs endet das so genannte tausendjährige Reich im verwüsteten Europa.
Ab 1945 werden die nationalsozialistischen Straftaten, Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und gegen den Frieden durch den Internationalen Militärgerichtshof und amerikanischen Militärgerichte geahnt.
In den Nürnberger Prozessen sind Ärzte, Justiz- und Verwaltungsbeamte, militärische und wirtschaftliche Führungsschicht des so genannten Dritten Reiches angeklagt.
Verhandlungsgegenstand sind Euthanasie und medizinische Versuche, Verfolgung von Juden und Regimegegnern, Plünderung, Deportation, Misshandlung und Mord in den Konzentrationslagern, Zwangsarbeitereinsatz in der Industrie, Geisel- und SS-Mordtaten sowie die Anwendung des Kommissarbefehls.