Wallenstein, Leibniz, Ritter zu Lang
Geschichten und Anekdoten der Universität zu Altdorf

»Die ehemalige Universitätsstadt liegt 25 km südöstlich von Nürnberg, inmitten einer reizvollen Mittelgebirgslandschaft (400 - 700 m ü. M.) mit Rhätschluchten (Rhät = Oberer Keuper), wald- und wiesenreichem Oberland.« So definiert wikipedia die geografische Lage Altdorfs. Natürlich lag der Ort vor 400 Jahren noch abgeschiedener als heute, der Weg aus der Freien Reichsstadt war sicher mühsam und führte anders als heute meist durch Wald und wenig freies Feld. Die Stadt Altdorf selbst hatte damals wohl nicht mehr zu bieten als ein paar mehr oder weniger gesittete Wirtshäuser. Gute Voraussetzungen, so sollte man meinen, um sich auf das Studium der Wissenschaften und die Bildung des Geistes zu konzentrieren. In der Abgeschiedenheit am Fuße des Moritzberges erlaubte die Universität dazu nicht viele Freiheiten ? Das Studentenleben aber wahr wohl nicht gänzlich von Lehren und Lernen, protestantischem Eifer und akademischem Streben sowie wissenschaftlicher Disziplin geprägt.

Studentenleben

»Keine Universität aus Renaissance, Barock oder Aufklärung ist so gut erhalten...«

„Die vier Apostel“, die zugleich für die vier Temperamente stehen, die verschiedenen Lebensalter des Menschen ausdrücken und auch den vier Jahreszeiten zugeordnet werden, ist Albrecht Dürers letztes großes Gemälde. Er stiftete das berühmte Bild seiner Heimatstadt, noch zu seinen Lebzeiten wurde es in der oberen Regimentsstube des Rathauses zu Nürnberg aufgehängt. In der Inschrift zu Füßen der Bildtafeln sind die „weltlichen regenten“ aufgefordert, sich vor „falschen Propheten“ zu hüten.

Albrecht Dürer war nicht nur in seinem Werk von europäischem Format, er unternahm als europäischer Bürger auch Reisen in die Niederlande, ins Elsass oder nach Italien. Übrigens wurde sein ausdrücklicher Wunsch für die vier Apostel „bey gemainer Statt zu sein gedechtnuß zubehalten und in frembdte händt nit kommen zu lassen“ grob missachtet: Nachdem die Tafeln 1627 auf argen Druck durch den bayerischen Kurfürsten Maximilian I. nach München abtransportiert worden waren, bemühte sich der Nürnberger Stadtrat zwar um eine Herausgabe, nicht zuletzt wegen des Ärgers, der durch die Zitate aus der Lutherbibel im katholischen München angefacht würde. Doch der Kurfürst ließ die Schrift unter den vier Figuren kurzerhand absägen und nur diese die beschriebenen Teile der Bildtafeln ins protestantische Nürnberg zurücksenden.

Das Goldene Zeitalter

Über zwei Stockwerke hinweg erinnert das Universitätsmuseum, das seinerzeit Sitz einer der beiden Universitätsdruckereien gewesen ist, in der Nähe des ehemaligen Hochschulgebäudes an die Hochschule und ihre Einrichtungen: mit einer Sammlung aus Urkunden, Ansichten, Handschriften und Dokumenten sowie mit authentischen historischen Ausstellungsstücken: das Museum erweckt deren Blütezeit, ihre Leistungen und Persönlichkeiten zu neuem Leben. Protokolle von Senatssitzungen geben aber auch Zeugnis von Disziplinlosigkeit. In bunten Farben schildern Zeitzeugen das damalige Studentenleben. Im Mittelpunkt der Berichte: der raufende Trunkenbold und der saufende Tunichtgut. Moralisch verwerflich die Abbildung eines vom Lotterleben gezeichneten Bettelstudenten: »Niemals Bargeld, immer zerrissene Hosen«. Im Gegensatz dazu »Der Fleissige Student, der seine Zeit und Geld weiß nützlich anzuwenden«.

»Das Merckwürdigste von der Löbl. Nürnbergische Universität-Stadt Altdorff 1723« beschreibt den Ort, den auch Albrecht von Waldstein während seines Studiums in Altdorf wohl des öfteren zu Gesicht bekommen hat. Übrigens nimmt das Volksschauspiel »Wallenstein in Altdorf« während der gleichnamigen Festspiele im Hof des ehemaligen Kollegiengebäudes und heutigen Wichernhauses alle drei Jahre auch immer wieder darauf Bezug: »Der ordentliche Studenten-Carcer, der Bärn-Kasten genannt, befindet sich unter eben diesem Dach-Stuhl, ganz zu Ende gegen die Abend-Seiten, ist aber ausser den zweyen noch ein Carcer, so man das Hunds-Loch heisset, neben des Speisemeisters Keller vorhanden, worein aber heut zu Tage nur die Famuli, wann sie etwas verbrochen, gesperret werden.«

Wallenstein: Aufwiegler und Ruhestörer

Albrecht von Waldstein (»Wallenstein«) wurde am 29. August 1599, also noch nicht 16 Jahre alt, in die Altdorfer Matrikel eingetragen. Noch im selben Jahr taucht sein Name in den Senatsprotokollen auf: Wallenstein war eindeutig an Tumulten in Altdorf beteiligt. Auf Weisung des Nürnberger Rats wurden die Randalierer gefasst und arretiert. Doch schon vierzehn Tage später, in der Nacht vor dem Heiligen Abend, spitzen sich die Unruhen zu. In einem Streit, in den auch Wallenstein verwickelt ist, wird der Fähnrich der Altdorfer Bürgerwehr, Wolff Fuchs, erstochen. Der für die Universität zuständige Pfleger unternahm alle Anstrengungen des Täters habhaft zu werden. Eine Ratskommission der Reichsstadt trieb die Untersuchung an Ort und Stelle voran, das Dekret vom 11. Januar beschließt ein energisches Durchgreifen. Nach dem Mörder wird gesucht, drei weitere an der Tat Beteiligte arretiert. Der hochwohlgeborene von Waldstein aber erhält nur Stubenarrest.
Ein Bittschreiben, in dem der junge böhmische Freiherr auf seine einflussreiche Familie hinweist und sich plötzlich um deren Ansehen sorgt, schindet wohl Eindruck beim Rate, so dass Wallenstein nach kurzem Stubenarrest wieder auf freien Fuß gesetzt wird. Trotz der Milde kommt der junge Adelige aber nicht zur Besinnung: »Er musste gleichsam unter einem Aggressions-Schub gestanden haben«, schreibt der Historiker und ehemalige Stadtarchivar Hans Recknagel. Die Universitätsannalen berichten weiter von einem Streit mit dem Kommilitonen Gotthard Livo, den er während einer gewaltsamen Auseinandersetzung in den Fuß gestochen habe. Wegen der Körperverletzungen, die Wallenstein seinem Famulus Wenceslaus Metrouski zufügte, lief ein Ermittlungsverfahren. Den neuen Famulus Johann Rehberger hat er ebenfalls ähnlich grausam misshandelt. Wallenstein kommt jedoch immer mit einer Geldstrafe davon.

Wallensteins Aufbruch zu neuen Ufern

Nach einem halben Jahr an der Altdorfina, am 17. März des Jahres 1600, wird der junge Baron das letzte Mal in den Annalen genannt: Er wird aus Rücksicht auf seine hochgestellte Verwandtschaft nicht inhaftiert, sondern verlässt Altdorf freiwillig in Richtung Italien. Erhalten ist zudem ein eigenhändiger lateinischer Eintrag des Studenten Wallenstein in das Stammbuch des früh verstorbenen Nürnberger Patriziersohnes Johann Hieronymus Kress von Kressenstein: »Fide sed cui vide« (Vertraue, aber achte darauf, wem du traust!). Ein gängiges viel verwendetes Motto in den Poesiealben der wohlhabenden Bürgersöhne. Für den jungen Waldstein aber die ernüchternde Bilanz eines wilden Semesters samt ahnungsvollen Blickes in die Zukunft? Denn »der Friedländer«, durch die Kriegswirren zu einem der reichsten Männer Europas avanciert, wird 34 Jahre später in Eger von kaisertreuen Offizieren schlafend in seinem Bett ermordet.
Dr. Georg Nößler war kein Altdorfer Student, sondern Professor der Medizin, Rektor und Prorektor, jedoch nicht zu Zeiten, als Wallenstein sein studentisches Intermezzo in Altdorf gegeben hatte. Nößler wurde erst 1618 als Professor nach Altdorf berufen. Im Sommer 1632 wurde er mit einer Reisegesellschaft auf dem Weg von Nürnberg nach Altdorf in der Nähe des Dutzendteiches von Kroaten gefangen genommen. Als Feldarzt tat er bis zum Winter Dienst in Wallensteins Heer. Die Universität war mit einem (lateinischen) Gesuch um Freilassung Nößlers erfolgreich an Wallenstein heran getreten. Nößler selbst wurde vom kaiserlichen Heerführer gar mit einer wertvollen goldenen Kette beschenkt.

Erinnerung an Wallenstein

Den Einmarsch der Kaiserlichen Truppen in Altdorf im November 1631 und Februar 1632 führte nicht, wie es das Volksschauspiel eindrucksvoll vorführt, der kaiserliche Feldherr Wallenstein selbst an. An der Spitze zog unter anderen Tilly in die Stadt ein, die aus Rücksicht auf die Universität vor Plünderung und Brand verschont geblieben ist.
Die Wallensteinfestspiele lassen aber dennoch das Studentenleben der Renaissance in der authentischen Kulisse des Innenhofes der ehemaligen Universität neu erstehen. Alle drei Jahre platzt die Kleinstadt dabei aus allen ihren Nähten. Aufgeführt wird Franz Dittmars Volksschauspiel von 1894, das sich an den überlieferten Fakten orientiert, sowie Schillers berühmtes dreiteiliges Schauspiel »Wallenstein«. Bekannte Theaterregisseure wie Oliver Karbus oder Michael Abendroth inszenieren die Aufführungen mit Altdorfer Laienschauspielern: beeindruckend vor allem durch Kostüme, Kulisse und Atmosphäre des Innenhofes der ehemals Reichsstädtischen Universität Nürnberg. Während der Festspiel-Saison schlüpfen fast 1.000 Altdorfer Bürger in historische Gewänder und stellen in der gesamten Altstadt das historische Lagerleben, das Treiben der Handwerker oder der Spielmänner nach.

Die Komödie des Ritters zu Lang

Lustig fand der Rieser Pfarrersohn Karl Lang, der im April 1782 an der Altdorfina immatrikulierte, das Studentenleben. Seinen »Memoiren« ist zu entnehmen, dass ihm und seinen Kommilitonen »unter mancherlei Treiben« auch einfiel, einmal »Komödie zu spielen. Theater und Dekorationen waren bereits hergerichtet, die Rollen einstudiert«, am selben Abend sollte das Stück auch Premiere haben. Doch der Herr Rektor Magnificus, »ein himmellanger, griesgrämiger Mann«, ließ den Studenten das »ganze Unternehmen« verbieten. »Ein jeder schwur die schrecklichste Rache, so dass ein Dritter hätte glauben müssen, die ganze Stadt werde noch diese Nacht in einen Steinhaufen verwandelt. Als wir aber heimkehrten, lief alles mit leerem Gebrüll auseinander.«
Als die anderen Studenten schon auf ihren Buden waren, sammelte Karl Lang auf den Feldern bei Altdorf seine Taschen mit Steinen voll und begann um Mitternacht »vor der Schlafstätte seiner Magnifizenz« ein »fürchterliches Bombardement«, so dass alle Scheiben klirrend hernieder stürzten »und einige Steine sogar bis an die Bettstelle des armen Doktors gelangt sein sollen«. Über die Bestrafung schweigen sich die Memoiren jedoch aus. In Altdorf als Randalierer abgestempelt wurde Lang bei späteren studentischen Tumulten immer wieder verhaftet, obwohl er »oft bei meinen Büchern sitzend« mit neuerlichen Ausschreitungen nichts zu schaffen gehabt haben will.
Bei einer anderen Verhaftung, die sich sehr in die Länge zog, ließ er dem Herrn Rektor mitteilen, »dass, wenn ich nicht diesen Abend noch entlassen würde, er mich desperaterweise an dem Fenster des Turmes hängend erblicken und dann auf seine Doktorsseele nehmen sollte. « Anderen Tags immer noch eingekerkert nahm er also all seine »theatralische Kunst zusammen«, zog einer Puppe seine Kleider an und ließ sie zum Fenster heraushängen. Alsbald entstand auf der Straße vor dem Gefängnisturm »Auflauf und Geschrei«, das Gefängnispersonal stürmt den Turm hoch, reißt die knarrende Türe auf und bricht, »als man mich verdoppelt sieht, in Lachen und Frohlocken aus.« Mit dem Ergebnis, dass Lang und seine Kumpanen freigelassen wurden »und alle Fehde hatte von nun an ein Ende«, war der Student wohl zufrieden. Aus dem Randalierer und Streithahn Lang wurde der angesehene preußische und später bayerische Ministerialbeamte Karl Heinrich Ritter zu Lang.

Der junge Leibniz in Doktorwürden

Gottfried Wilhelm Leibniz, der letzte große Universalgelehrte der europäischen Geistesgeschichte, wie er immer wieder genannt wird, hat an der Universität Leipzig bereits seinen Bakkalaureus in Philosophie (»Disputatio metaphysica de principio individui«, 1663) und Magister in der juristischen Wissenschaft (»Specimen difficultatis in jure«, 1664) erworben. Als er sich an der Altdorfina einschreibt, hat man ihm in Leipzig für seine Arbeit »De arte combinatoria« (»Von der Kunst der Kombinatorik«) den Doktortitel wegen seines geringen Alters verweigert. Mit der Schrift »Disputatio de casibus perplexis in jure« (»Über verwickelte Rechtsfälle«) verdient er sich den Doktorgrad an der Fakultät der Rechtswissenschaften. Nach Abschluss seiner Arbeit lehnt er eine Berufung an die Universität Altdorf aber ab. Für kurze Zeit bleibt er noch in Nürnberg, wo er sich einer Sekte anschließt, die sich mit der Alchimie befasst. Als letzter großer Denker praktiziert er, wie vor dem 18. Jahrhundert üblich, die Wissenschaft als vielfältige Verknüpfung und Analyse der Zusammenhänge zwischen unterschiedlichsten Disziplinen.
Das Leibniz-Forum Altdorf-Nürnberg fördert heute die Wissensgebiete, auf denen Leibniz tätig war. Im Vordergrund stehen Mathematik und Informatik, ihre Beziehungen zu den Geisteswissenschaften und ihr Einfluss auf kulturelle und gesellschaftliche Entwicklungen. Das Forum knüpft eine Verbindung zwischen Forschung und universitärer Praxis bis hin zur Lehrerbildung und den schulischen Anwendungsmöglichkeiten. Mit dem Leibniz-Preis werden junge Wissenschaftler ausgezeichnet, die sich mit der rapiden Entwicklung in Informationstechnik, Neuen Medien und neuen Verbreitungsformen für Information und Wissen beschäftigen.

Die Erlanger Studenten ziehen nach Altdorf

Der 16. Februar 1822, ein historisches Datum: In Altdorf hat es wohl auch zu Hoffnungen Anlass gegeben, dass die Universität von neuem in ihrer Mitte erstehen könne. Das Wartburgfest 1917 oder die Ermordung des Dichters Staatsrats und als Dichter der Obrigkeit wohl verdächtigen August von Kotzebues durch den Erlanger Studenten Karl Ludwig Sand im Jahre 1819 hatte auch in der Hugenottenstadt den Vormärz erblühen lassen und zu einer explosiven Stimmung unter den in Burschenschaften organisierten Studenten geführt. Am 16. Februar des Jahres 1822 also zog die Erlanger Studentenschaft nach Altdorf aus, um dort ein »fideles«, dennoch aber diszipliniertes Studentenleben zu führen.
Grund waren die Auseinandersetzungen zwischen den Studenten und Erlanger Handwerksburschen, die sich im Fasching zu einer wüsten Schlägerei zugespitzt hatten. Die Studenten zogen den Kürzeren: unter anderem deshalb, weil sie durch die Bürgermiliz, 150 Mann aus Nürnberg herbeigeholter Infanterie und einer Schwadron Kavallerie nicht gerade pfleglich behandelt oder gar unterstützt worden waren. Erzürnt und beleidigt wandten sich die 400 Studenten von Erlangen nach Altdorf, wo sie durch die Bürgerschaft auch in Erinnerung an die alten Zeiten der Reichsstädtischen Universität Nürnberg begeistert Aufnahme fanden. Doch bereits am 5. März kehrten die aufständischen Studenten in einem Triumphzug und in allen Ehren nach Erlangen zurück, denn der Senat hatte ihre Forderungen zum Teil erfüllt.
Gänzlich ohne Schlägereien oder burschenschaftliche Aufwiegelei kehren die Studentinnen und Studenten der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg heute noch einmal im Jahr nach Altdorf zurück. Inzwischen ist es zur guten Tradition geworden, dass die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät am Ende des Sommersemesters ihre Diplomurkunden feierlich in Altdorf übergibt und dabei auch einen akademischen Umzug durch die Stadt unternimmt.